Was man von Kindern in Sachen Scheitern lernen kann

Deutschland ist auf der Suche nach einer „Kultur des Scheiterns“. Die angelsächsische Innovationskultur, die mehr Akzeptanz für Fehler zeigt, ist dabei großes Vorbild. Aber: Wie lernen wir am besten, mit Rückschlägen umzugehen? Ein Gastbeitrag von János Moldvay

Die Deutschen sind auf der Suche nach einer „Kultur des Scheiterns“. Politiker, Wirtschaftsexperten und Startup-Gurus fragen gleichermaßen: Wie lernen wir am besten, mit Rückschlägen umzugehen, ein Mal mehr aufzustehen, als wir hinfallen? Und wie schaffen wir es, so auch die Fehler Anderer zu (er)tragen? Meine Antwort: Indem wir uns die richtigen Vorbilder suchen – Kinder.

Wir müssen das „Gründer-Gen“ (wieder) in uns aktivieren

 Kinder sind von Natur aus wahnsinnig unternehmerisch. Sie entdecken die Welt, sobald sie mobil werden, erst krabbelnd und später laufend. Sie lernen täglich Neues und probieren Dinge, die nicht auf Anhieb funktionieren. Immer und immer wieder. Trial and error. Und sie sind ausdauernd: Wenn wir schon keine Lust mehr haben, ein Puzzle zum fünften Mal hintereinander und zum hundertsten Mal insgesamt zu machen, sind sie voller Elan dabei, ihre Fertigkeiten zu optimieren.

Kinder erkunden Unbekanntes, suchen Lösungen und optimieren ihre Herangehensweise stetig. Ganz nach dem Motto: Build, measure, learn. Das große Startup-Mantra ist deswegen so einleuchtend, weil es von Natur aus in uns verankert ist. Ich begründe das mit dem „Gründer-Gen“. Es sorgt dafür, dass wir uns für die Möglichkeiten öffnen, die im Rahmen unserer Grundrechte sowie moderner Technik vorhanden sind. Dessen müssen wir uns heute einmal mehr bewusst werden und uns daran erinnern, wie wir als Kinder die Welt entdeckt haben.

Das Gründer-Gen bezieht sich aber nicht allein darauf, irgendwann ein eigenes Unternehmen zu gründen. Bevor Ludwig Ostrowski und ich unser Unternehmen gemeinsam gegründet haben, war ich fast elf Jahre lang Angestellter. Ich bin kein „geborener Gründer“. Aber die grundlegenden Charakterzüge eines Gründers – nämlich neugierig zu sein, Dinge zu hinterfragen und etwas Eigenes schaffen zu wollen, die kultivieren (wir als) Kinder per se. Besonders prägend war für mich zudem auch die Lebensgeschichte meines Vaters.

Der Weg ist das Ziel

 Mein Vater war Auto-Mechaniker in Serbien und ist aus purer Unternehmungslust in den 1960er Jahren nach Deutschland gekommen. Über München kam er nach Hamburg, wo er das Plakat einer Fotoschule sah und sich aus Interesse für einen Kurs bewarb. Nachdem er diesen erfolgreich beendet hatte, stellte ihn das „Hamburger Abendblatt“ als Fotoredakteur ein. Als einer der letzten festangestellter Fotografen des „Stern“ ging er schließlich in Rente.

Den Mut für ein solches Wagnis aufzubringen und diese Einstellung als selbstverständlich an mich weiterzugeben, das hat mich sehr geprägt. Als meine eigenen Kinder geboren wurden, stellte ich mir die Frage: Welche Grundeinstellung für das Leben will ich ihnen mit auf den Weg geben? Was sollen meine Kinder unbedingt von mir lernen?

Die Maxime meiner Erziehung lautet: Die Kinder sollen spüren, dass der Weg das Ziel ist. Ja, das klingt sehr einfach; aber die vermeintlich simplen Einsichten sind am schwierigsten in die Tat umzusetzen. Damit das gelingt, ermutige ich meine Kinder – wann immer es geht. Sie sollen sich einer Herausforderung stellen, immer und immer wieder ausprobieren, immer wieder aufstehen. Nur Kontinuität und Ausdauer bringen nachhaltige Veränderungen.

Mit Fehlern umzugehen, lernen wir am besten von Kindern

Tatsächlich wird uns Gründern gesagt, dass wir nach einem Fail/Fuck-up/Fehler aufstehen und es noch einmal probieren sollen. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir das gleiche Problem adressieren oder ein anderes lösen wollen. Die Hauptsache ist, wir machen weiter. Anders gesagt: Wir müssen einfach wieder mehr Kind sein. Und uns vom Umgang mit Fehlern, wie wir ihn in der Schule, an den Universitäten und in Unternehmen lernen, lösen. Hier haben Fehler allzu oft keinen Platz, werden vermieden und bestraft.

Bevor Kinder in pädagogische Einrichtungen kommen, lernen sie bereits allein aufgrund der Beispiele in ihrem Umfeld zu essen und zu sprechen. Fehler sind vorprogrammiert, helfen aber, um noch besser bzw. um überhaupt zu lernen. Auch das Feedback von Erwachsenen ist für die Entwicklung extrem wichtig. Aber vor allem die Neugier auf selbstständiges Lernen ist essentiell und muss unbedingt kultiviert werden. Wer fragt, wie man mehr Mut und Selbstbewusstsein bekommt, dem muss man antworten: Indem genau diesen Charakterzügen nicht nur im frühkindlichen Alter Raum gegeben wird, sondern auch später. Ein Leben lang.

Mein Appell lautet daher nicht nur an Gründer, sondern an alle: Um zu lernen, wie man scheitert und auch Anderen Fehler eingesteht, müssen wir unsere Kinder als Vorbilder anerkennen. Ihre Wissbegierde, ihre Neugier, ihr Drive und ihre Resilienz sind wahnsinnig inspirierend. Gleichzeitig müssen wir dafür sorgen, dass unsere Kinder lernen, sie selbst zu bleiben. Wir müssen Kindern positives Feedback geben, sie ermutigen. Geht auf ihren Entdeckungstouren etwas schief, dann brauchen sie Verständnis und Ermutigung, keine Bestrafung. Nur dann geht trial and error auch wirklich in Fleisch und Blut über. Nur dann müssen unsere Kinder später nicht über eine Fehler-Kultur diskutieren, sondern können sie leben.

Über den Autor: János Moldvay ist Co-Gründer und CEO von Adtriba, einem SaaS-Anbieter für dynamisches Attribution Modeling und umfassende Customer-Journey-Analysen aus Hamburg.


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